Berlin

B leuchtet: Im Buchstabenmuseum

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Vor der Tür taucht die Herbstsonne die Stadt in gleißendes Licht. Doch drinnen ist es schummerig. Orangerot und neonblau glühen dutzende gewundene Leuchtstoffröhren. Die Formen, die sie bilden, sind vertraut. Dieser Ort hier hat sich ganz dem B verschrieben. Oder auch dem A, dem C, dem R, dem W und dem Z: das Buchstabenmuseum in Berlin. Schon seit zehn Jahren hat es sich der Erhaltung und Dokumentation von Buchstaben verschrieben. Sein Zuhause hat es in einer alten Kaufhalle gleich gegenüber der Jannowitzbrücke. Noch. Denn an diesem Wochenende muss es seine Pforten schließen und zwangsweise eine Pause einlegen – bis ein neues Zuhause für „Zierfische“ und „Grobe Wäsche“ gefunden ist.

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Kurz vor Schluss empfängt uns Steffen Fedtke und führt uns durch die Ausstellung. Für das Buchstabenmuseum sucht er ehrenamtlich nach neuen Exponaten und kümmert sich um die historische Aufarbeitung. Mehr als tausend Leuchtbuchstaben und dutzende komplette Werbeschriftzüge gibt es hier – viele davon aus Berlin, manche auch aus anderen Teilen Deutschlands.

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„Eines unserer bekanntesten Exponate sind die ‚Zierfische‘, die seit Anfang der Achtzigerjahre über einer Zoohandlung am Frankfurter Tor hingen und für viele Ost-Berliner fest zum Inventar der Stadt gehörten“, erzählt Steffen. „Als das Geschäft 2009 schließen musste, konnte das Buchstabenmuseum dank einer Geldspendenaktion den Schriftzug vor der Verschrottung retten. Seit 2011 leuchtet er nun hier.“

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Schräg gegenüber hängen Neon-Buchstaben aus einer alten Wäscherei. Eine Wand weiter prangt das Logo der Berliner TT-Bahnen. Jahrzehntelang wurden in dem Betrieb in Prenzlauer Berg Modelleisenbahnen hergestellt. Die Buchstaben des Logos erzählen als Botschafter der Zeitgeschichte davon. „In vielen Fällen wissen wir, woher unsere Schriftzüge kommen“, erzählt Steffen Fedtke. „Manchmal überlassen uns Leute aber auch einzelne Leuchtbuchstaben, die sie auf dem Dachboden stehen hatten.“

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Hier beginnt dann der detektivische Teil von Steffens Arbeit für das Buchstabenmuseum: Zunächst bestimmt er die Schriftfamilie und Herstellungsweise des Exponats. „Daraus lassen sich oft schon Rückschlüsse über die Zeit, manchmal auch über den Ort ziehen, an dem der Buchstabe entstanden ist“, sagt er. „Und gar nicht so selten sind auch schon Menschen zu uns in die Ausstellung gekommen und haben einen Buchstaben oder Schriftzug aus ihrer Nachbarschaft wiedererkannt.“

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Ein Highlight wartet im ehemaligen Kühlraum der alten Kaufhalle. Das große „R“, das dort hängt, wurde von den Ausstellungsmachern in vier einzelne Schichten zerlegt. Das ist nicht nur schick, sondern zeigt auch, wie eine Leuchtreklame aufgebaut ist.

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Im zweiten der ehemaligen Kühlräume hängt ein weiteres Schmuckstück, das vor allem Filmliebhaber begeistert: Vor einem Samtvorhang, eingerahmt von einem Lichtkegel, prangt dort ein Teil der Originalrequisite aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ – genauer – das „E“ aus dem Schriftzug über dem Kino, das am Ende des Films explodiert. Mindestens so stolz wie darauf und auf die „Zierfische“ ist das Buchstabenmuseum auch auf den Besitz des „Robotron“-Schriftzugs – dem Firmennamen des größten Computerherstellers der DDR.

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Ein bisschen widerspricht sich das Museum damit auch selbst. Denn: „Schriftzüge als Ganzes, das heißt die gebildeten Wörter, stehen bei uns nicht im Vordergrund, vor allem nicht, wenn es dabei um bekannte Namen aus der Werbung geht“, sagt Steffen. Dem Museum kommt es viel mehr auf die einzelnen Buchstaben, die Typografie, an. Andererseits seien Leuchtreklamen ohne Alltags- und Geschichtsbezug natürlich kaum denkbar.

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Entstanden ist das Buchstabenmuseum aus der Sammelwut von Barbara Dechant und Anja Schulze, die das Museum leiten. Jahrelang hatten die beiden Kommunikationsprofis aus Berlin vorher schon Buchstaben gesammelt, bis Barbaras Wohnung aus allen Nähten platzte. Ein extra Raum musste her. Den fanden die beiden bis 2013 unter anderem in der Karl-Liebknecht-Straße am Alexanderplatz, danach dann in alten Kaufhalle in der Holzmarktstraße. Dort aber soll bald ein neuer Gebäudekomplex entstehen. Das Buchstabenmuseum muss weichen. Am 2. November schließt es vorerst seine Türen.

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Wohin die vielen Leuchtschriften gehen und wie sie transportiert werden, steht noch in den Sternen. Dabei wäre eine dauerhafte Bleibe der Traum der Museumsmacher. Denn davon hängen wichtige öffentliche Fördergelder ab. Spenden sind deshalb immer willkommen. Bisher existiert(e) das Museum allein durch das ehrenamtliche Engagement vieler helfender Hände. Für die Übergangsphase lohnt sich ein Besuch im Bikini Berlin. Dort hat das Buchstabenmuseum ab 5. November einen eigenen Shop auf Höhe der Zooterrasse. Und der wird alle, die ein Herz für Typografie und Design haben, buchstäblich magnetisch anziehen.

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Aktuelle Infos zum Buchstabenmuseum Berlin findet ihr hier.

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