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Beziffert: Warum man Reisen nicht in Top 10-Listen abhaken kann

beziffert wasmitb aitoff pixabay

Ich hab nichts gegen Listen. Im Gegenteil: Ich liebe Listen – To-Do-Listen zum Beispiel, weil sie mir helfen, meinen Alltag zu bewältigen. Einkaufslisten, Listen von Freunden, die ich mal wieder anrufen sollte, Wunschlisten für Weihnachten, Listen mit den nächsten Reisezielen und natürlich Listen, um beim Kofferpacken nicht den Überblick zu verlieren. Listen sind praktisch, übersichtlich und straight to the point – alles Eigenschaften, die ich mag. Aber: Wer zum Teufel hat damit angefangen, Reiseerlebnisse in Top 10-Listen abzuhaken und auch noch gemeint, dass dieses Korsett für immer funktioniert?

„10 Gründe, warum eine Reise nach Thailand dein Leben verändern wird“, „Die 15 atemberaubendsten Fotospots der Welt“, „7 Dinge, die in deinem Koffer nicht fehlen sollten“ oder – warum klein denken – „1000 places to see before you die“: Es gibt Tage, da verschluckt sich mein Twitter-Feed fast vor Zahlen und Superlativen, vor Must-Sees und -Dos.

Mag ja sein, dass in Zeiten von neulandigem Internet und schrumpfender Aufmerksamkeitsspanne nur noch der seine Geschichte unter die Leute bringt, der sie möglichst knackig, lesefreundlich und vor allem kompakt anbiedert anbietet. Aber sind Klickzahlen allein ein Freifahrtsschein dafür, das Blog-Universum mit immer mehr Textkonzentraten zu fluten?

Klar kann es clever sein, mit zahlenlastigen Überschriften die Gier auf fünf bis zehn schnelle Fakten zu wecken und damit für Klicks zu sorgen. Wenn aber bei allen Blogs die gleiche Sorte Überschriften vorkommt, führt das nicht zu mehr Aufmerksamkeit, sondern im Gegenteil zu Beliebigkeit, Abstumpfung oder blankem Genervtsein – ob ich nun deine oder eine der anderen 1000 Listen lese.

Wollen wir unsere Gedanken denn wirklich nur noch mit Nummern und Rangfolgen versehen, bis sie sich im Meer der Überschriften und Blogbeiträge gleichen wie ein Wassertropfen dem anderen? Wollen wir atemberaubende Orte und Erlebnisse auf ein Skelett aus faden Fakten reduzieren, garniert mit ein paar Fotos? Und suggerieren diese Listen nicht, dass es über sie hinaus nichts zu entdecken gibt? Schaffen Listen nicht eine Lese-Perspektive, die mich und meine Wahrnehmung von der Welt besonders stark vorprägt, die das Erleben abseits des Rasters aus Zahlen und Empfehlungen schwieriger macht? Nehmen mir Listen nicht ganz leicht, worum es beim Reisen eigentlich geht: das Entdecken, Erkunden, Sich-Verirren-, -Treiben- und, vor allem, Sich-Überraschen-Lassen. Und: Wer sagt denn, dass deine Top 10 auch meine sind?

Ich glaube, nackte Zahlen sind der Feind jeder Emotion. Wir erinnern Erlebtes – ob gesehen oder gelesen – am besten, wenn wir es intensiv fühlen: Erster Liebesrausch, 11. September oder der superkitschige Sonnenuntergang irgendwo in der Karibik. Das gilt in der Hirnforschung mittlerweile als belegt. Also packt die Listen beiseite, lebt und schreibt über den Quittenverkäufer von Montmartre statt über den Eiffelturm, sucht in New York nach gemalten Bergen auf Bauzäunen statt nach dem besten Selfie-Spot auf der Brooklyn Bridge – und erzählt mir dann bitte, was ihr dabei gefühlt habt. Denn für Listen schaue ich in den Reiseführer und wenn ich Zahlen will, rufe ich den Kellner.

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13 Comments

  • Reply
    Mandy
    22. September 2015 at

    Bin 100% deiner Meinung. Ich gestehe, ich habe auch mal angefangen Posts zu schreiben mit „Meine Top 10 Tipps für XYZ“, aber immer mit so einem Bauchgrummeln… das Ergebnis war, dass diese Posts tatsächlich mehr Zugriffe bekamen. Aber wohl gefühlt habe ich mich dabei nicht. Deshalb schreibe ich einfach wieder so wie ich Bock habe, ist ja schließlich mein Blog. ;)
    Artikel mit solchen Titeln häufen sich in der Tat sehr. Alles ist „ultimativ“ und „top“ und „must see/do (before you die“… bla… langweilig. Aber funktioniert eben für Traffic.

    • Profilbild von Taina
      Reply
      Taina
      26. September 2015 at

      Ja, ich denke es ist eben so wie du sagst: Wenn man da schon selbst Bauchgrummeln hat, ist es vielleicht nicht das Richtige – Traffic hin oder her. Wichtig ist doch, dass man seinem Gefühl folgt. Insofern Daumen hoch dafür, dass du genau das tust, Mandy :)

  • Reply
    Hubert
    22. September 2015 at

    Danke. Danke! DANKE! Mir geht das so auf den Wecker, ich könnte brechen, wenn ich diese Überschriften im Feedreader oder in meiner Timeline sehe.

    Das Thema muss mich mächtig interessieren, damit ich diese lese. Denn weil es mich so annervt, habe ich kategorisch entschieden, diese Artikel nicht mehr zu lesen!

    • Profilbild von Taina
      Reply
      Taina
      26. September 2015 at

      Gern geschehen, Hubert! Schön, dass es nicht nur mir so geht.

  • Reply
    Tatiana
    24. September 2015 at

    Ich kann’s auch nicht mehr sehen, liegt aber wohl daran, dass ich zu viele Blogs lese und daher auch zu viele Überschriften dieser Art… Trotzdem klicken immer noch viele auf solche Artikel – der „Durchschnittsleser“ scheint sich wohl nicht daran zu stören. Listenüberschriften werden bestimmt noch einige Zeit ihre Fans finden :(
    (Finde aber gut, dass das mal jemand thematisiert!)

    • Profilbild von Taina
      Reply
      Taina
      26. September 2015 at

      Das ist ein interessanter Punkt, Tatiana – vielleicht fällt es dem Durchschnittsleser wirklich gar nicht so auf…? Vielleicht hängen wir einfach nur mit dem Kopf zu sehr im Internet. Dass wir sie deshalb überall sehen, die Listen. Und ich stimme dir zu: Sie werden sich halten. Bedeutet umgekehrt: Wir müssen einfach weiter ausdauernd mit Geschichten dagegen halten. Aber das kriegen wir hin, oder?

  • Reply
    Fee ist mein Name
    25. September 2015 at

    Ein toller Post. Und ich kann das so gut nachvollziehen. Eine Top Ten erzählt eben keine Geschichten…

    • Profilbild von Taina
      Reply
      Taina
      26. September 2015 at

      Vielen Dank, Fee!

  • Reply
    Maximilian
    25. September 2015 at

    Moin,
    als ich heute deinen Beitrag gelesen habe, hat mich dieser schon fast ein wenig verletzt. Warum? Na weil ich genau so eine Seite habe, die sich überwiegend mit Top 10 Sehenswürdigkeiten beschäftigt. Jetzt kann man mir natürlich vorhalten, ich würde es nur auf Bauernopfer abgesehen haben und die „Welt“ in ein vordefiniertes Korsett zwängen, doch so ist es nicht. Meine Ambition und Absichten sind ganze Andere.

    Man kann eine Stadt oder Region nicht nur anhand ihrer Sehenswürdigkeiten vollkommen erleben, wenn man diese Stumpf nach einer Liste abklappert; dass ist uns wohl allen bewusst. Diese Tatsache zeigen uns schon die vielen unterschiedlichen Reiseblogger, die wesentlich tiefer in die Welt eintauchen, als es durch das reine „abklappern“ von Hotspots möglich wäre. Doch warum genau sind die Reiseblogger (und ihre Blogs) mit ihren unterschiedlichen und individuellen Geschichten so beliebt und werden von so vielen verfolgt? Nun, weil eben so viele Menschen diese intensive Art der Reise selber nicht durchführen und erleben können und sie sich durch das Lesen dieser Erlebnisse ihre eigene Welt etwas bunter gestalten. Doch der größte Teil der Bevölkerung ahnt noch nicht mal etwas davon, wie schön die Welt wirklich ist und da kommt jetzt meine Geschichte ins Spiel. Viele meiner Freunde und Bekannten waren (und sind) leider entweder Reisemuffel oder sehr Unerfahren was dieses Thema angeht. Aus diesem Grund habe ich denen immer wieder von meinen eigenen Erlebnissen erzählt und gemerkt, dass für meine Erzählungen oftmals das Verständnis fehlt. Schließlich können Bilder oder Videos nur einen Bruchteil davon wiedergeben, was man vor Ort wirklich erlebt hat. Leute die so welche Erfahrungen bisher nicht gemacht haben, können sich aber die weiteren Elemente (Kultur, Klima, Menschen, Gerüche, usw.) selber aber kaum vorstellen und diese nicht in das Erzählte integrieren. Für die bleibt ein Foto ein Foto, das kaum motiviert selber mal so etwas zu erleben. Deswegen muss man bei solchen Menschen viel weiter vorne anfangen um sie zu motivieren selber auch mal eine Reise zu unternehmen. Und da ist es eben auch hilfreich, ihnen zu erzählen, welch tollen und einzigartigen Sehenswürdigkeiten es vor Ort zu entdecken gibt. An ihnen kann man sich eben orientieren und damit eine fremde Stadt, Region oder Kultur kennenlernen. Genau dieser Umstand hat mich dazu bewogen, eine solche Seite zu erstellen und zu betreiben.

    Zudem gibt es noch einen weiteren Aspekt. Viele Menschen können heutzutage (leider) kaum mehr längere Reisen unternehmen. Aus welchen Gründen auch immer. Aus diesem Grund sind auch die sogenannten Wochenendtrips in den letzten Jahren so beliebt geworden. Nur leider reicht dann oftmals die Zeit nicht aus, um sich eine Stadt oder Region (individuell) in Gänze anzuschauen und zu erleben. Man muss eben selektieren, und da wollen viele natürlich die „Hotspots“ erleben. So welchen Menschen helfen Seiten die Top – Sehenswürdigkeiten (oder ähnliches) anbieten. Jetzt könnte man natürlich auch wieder diese Art der Reise bemängeln, doch ganz ehrlich, lieber die Menschen schauen sich in wenigen Tagen ein paar Sachen an, als das sie es gleich ganz lassen würden.

    Ich bin deswegen davon überzeugt, dass auch so welche Seiten und Artikel ihre Daseinsberechtigung haben, eben genauso, wie die vielen individuellen und ausführlichen Berichte der Reiseblogger. Und sollten jetzt immer noch einige meinen, ich würde das Reisen mit diesen Artikeln nur „vereinheitlichen“; ich habe über die Top 10 hinaus meine ersten Reiseführer geschrieben, die ich meinen Besuchern ebenfalls auf meiner Homepage anbiete. Für all diejenigen, die eben auch tiefer in eine Stadt eintauchen wollen. Auch für mich gibt es deswegen mehr als nur die Top 10 

    Beste Grüße,
    Maximilian

    • Profilbild von Taina
      Reply
      Taina
      27. September 2015 at

      Moin Maximilian,

      danke für deine ausführlichen Gedanken! Direkt vorweg: Verletzen wollte ich mit meinem Kommentar sicher niemanden. Mir ging es vor allem darum, diesen Trend mal zu thematisieren und ihn zur Diskussion zu stellen. Dass so ein Kommentar dann auch gerne mal in etwas überspitzter Form daherkommt, ist diesem Anliegen nur dienlich – dass das Thema polarisiert, darf ja gerne auch sprachlich rauskommen.

      Entsprechend bewusst ist mir, dass es auf solch ein Thema immer verschiedene Blickwinkel gibt und ich sehe, aus welcher Richtung du kommt. Was mir absolut fern liegt, ist, dir deine Ziele, deine Intention, deine Zielgruppen abzusprechen – hätten die Listenformate keine Leser, würde es sie schon längst nicht mehr geben. In den Weiten des Internets haben so viele unterschiedliche Erzählformen ihren Platz und ihre Berechtigung. Ich kann nur für mich selbst entschieden, dass Listen mir weder liegen, noch dass ich sie besonders gern mag. Ich bin einfach ein Fan von Geschichten – und spreche damit andere Geschichtenliebhaber an. Umgekehrt hast du mit den Listen einen Weg gefunden, Menschen für das Reisen zu interessieren, denen der Zugang vielleicht vorher nicht so leicht viel. Ich würde sagen: Dann passt das so!

      Und wie schon angedeutet: Reiseführer sind klassische Listenoasen und für viele eine super erste Anlaufstelle. Das will ich gar nicht kritisieren. Mir geht es mit Blick auf Blogs – wie eigentlich bei allem im Leben – um das richtige Maß – und wenn ich nur noch Listen über Listen sehe, dann hoffe ich ganz persönlich, dass die Geschichten dabei nicht untergehen. Nicht mehr, und nicht weniger :)

      Viele Grüße an dich!

      • Reply
        Maximilian
        29. September 2015 at

        Vielen Dank für deine Antwort. Ich hoffe auch sehr, dass die individuellen Geschichten und Erlebnisse nicht untergehen, schließlich macht dies eine Reise doch erst aus. Deswegen sehe ich meine Seite auch eher als „Informations- und Inspirationsquelle“ für diejenigen an, die gerne wissen möchten, was man sich so alles vor Ort ansehen kann. Was diejenige Personen daraus machen und vor allem wie sie es schlussendlich erleben, bleibt natürlich den Personen selber überlassen. Ich hoffe immer, dass dabei nicht nur ein vordefinierter roter Faden abgelaufen wird, sondern dass man auch immer mal rechts und links des Weges schaut. Und da glaube ich, kommt der Kommentar von Matze zum tragen. Tatsächlich sind in letzter Zeit vermehrt Top-Listen (Seiten) aufgetaucht, die leider kaum Content bieten. In einem Themenbereich welches sich sowieso mehr durch Fakten und Informationen und eher weniger durch Geschichten auszeichnet, ist es umso wichtiger, dass diese Punkte auch geliefert werden, um den Lesern einen Mehrwert an Informationen zu vermitteln. Doch leider bieten das viele Seiten gerade nicht und dienen nur dazu die Menschen auf eine bestimmte Seite zu locken. Auf lange Sicht ist es so auch unsere Aufgabe, den eigenen Lesern aufzuzeigen, welche Seiten sich lohnen und welche nicht, um schlussendlich die Qualität rund ums Reisen hoch zu halten.

  • Profilbild von Matze
    Reply
    Matze
    27. September 2015 at

    Hi Maximilian, vielleicht ist das ja so wie bei vielen anderen Dingen auch: Die Menge macht das Gift. Ein, zwei gute Empfehlungslisten unter 15 anderen Überschriften stechen vermutlich positiv heraus. Und wenn zwölf von 15 Artikeln, die mir angeboten werden, eine Top-Ten-Empfehlung in der Überschrift enthalten, kriegt man (aber sicherlich nicht Jeder) ein komisches Gefühl. Liebe Grüße und schönen Sonntag, Matze

  • Reply
    12mal12 September - heldenwetter
    4. Oktober 2015 at

    […] Der Listen-Wahnsinn auf Reiseblogs stört mich, seitdem ich blogge. Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen eine Liste à la „10 kuriose Dinge aus…“ oder „25 Tipps für…“. Das sind ja nur Informationen, die man genauso ohne Liste präsentieren könnte – man hat nur eben übersichtlicherweise den einzelnen Absätzen eine Ziffer gegeben. Aber ich finde es schrecklich, dass Bloggerinnen und Blogger überall versuchen, sich mit Nonsens-Superlativen zu überbieten: „10 Dinge, die du in … getan haben musst„, „100 Erlebnisse, auf die du nicht verzichten darfst„… Reisen ist eine individuelle Sache, eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, zu erleben, zu verstehen und zu lernen. Das Abklappern von Sehenswürdigkeiten, die ihren Platz auf solchen Listen finden, lässt aber keinen Platz mehr für das eigene Erkunden – das auch mal das Verlorengehen einschließt. Mein Appell: Such dir eigene Top 10, statt anderen zu folgen, und schreib einen Text über deine Erfahrungen und Erkenntnisse anstatt einer Liste. Dankeschön! Und danke an Was mit B für den inspirierenden Artikel. […]

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